28. Juli 2026
Bayreuth öffnet den Kanon: „Rienzi“ feiert erstmals Premiere im Festspielhaus
150 Jahre nach Gründung der Bayreuther Festspiele erlebt Richard Wagners frühe Oper Rienzi ihre erste Aufführung im Festspielhaus. Die Jubiläumsproduktion verbindet ein selten gespieltes Werk mit einer kritischen Auseinandersetzung über Macht, Demokratie und die Geschichte des Festivals.

Mainz/Bayreuth - Mit der Premiere von Rienzi schreiben die Bayreuther Festspiele ein neues Kapitel ihrer Geschichte. Zum 150-jährigen Jubiläum erklingt Richard Wagners dritte Oper erstmals auf dem Grünen Hügel – ein Werk, das der Komponist später selbst aus dem Bayreuther Kanon ausschloss und das dennoch seinen frühen internationalen Durchbruch begründete. Die Aufführung markiert damit nicht nur eine Erweiterung des Repertoires, sondern auch eine bewusste Neubewertung von Wagners frühem Schaffen.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte des römischen Volkstribunen Cola Rienzi, dessen politischer Aufstieg in einen autoritären Machtanspruch mündet. Zwischen monumentalen Chorszenen, großen Solopartien und den Einflüssen der französischen Grand Opéra zeichnet Wagner das Porträt einer Figur, deren Vision von Erneuerung an Machtmissbrauch und Gewalt zerbricht. Die Handlung gewinnt dadurch eine Aktualität, die weit über ihren historischen Stoff hinausweist und Fragen nach Demokratie, Populismus und politischer Verantwortung aufwirft.
Für die Neuinszenierung zeichnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka verantwortlich. Ihr Regiekonzept verlegt die Handlung in eine dystopisch geprägte Gegenwart und untersucht Mechanismen von Populismus, medialer Inszenierung und politischer Manipulation. Am Pult des Festspielorchesters steht Nathalie Stutzmann, die gemeinsam mit Andreas Schager in der Titelrolle sowie Jennifer Holloway und Gabriela Scherer die musikalische Besetzung der Jubiläumsproduktion prägt.
Die Premiere wurde vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations gefeiert. Besonders Nathalie Stutzmann wurde für ihre differenzierte, klangstarke und spannungsvolle musikalische Leitung gelobt, während Andreas Schager mit einer kraftvollen und ausdauernden Interpretation der Titelpartie überzeugte. Auch Jennifer Holloway als Adriano und Gabriela Scherer als Irene erhielten viel Anerkennung für ihre eindringlichen Rollenporträts. Zahlreiche Kritiker würdigten den Mut der Festspiele, das lange ausgeklammerte Werk erstmals auf den Grünen Hügel zu bringen, und bezeichneten die Aufführung als wichtigen kulturhistorischen Schritt. Insbesondere die musikalische Umsetzung wurde vielfach als Höhepunkt des Abends hervorgehoben, auch wenn die moderne, bildgewaltige Inszenierung vereinzelt kontrovers diskutiert wurde.
Die Entscheidung, Rienzi ausgerechnet im Jubiläumsjahr erstmals in Bayreuth zu präsentieren, besitzt damit weit über den Premierenabend hinaus kulturhistorische Bedeutung. Das Werk ist eng mit der Rezeptionsgeschichte Richard Wagners verbunden und wurde über Jahrzehnte aufgrund seiner historischen Belastung nicht in den Spielplan aufgenommen. Die aktuelle Produktion stellt sich dieser Geschichte bewusst, ohne sie auszublenden, und verbindet die kritische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart zu einem zentralen Thema der Festspiele.
Mit der ersten Bayreuther Aufführung von Rienzi setzen die Festspiele zum 150-jährigen Bestehen ein deutliches Zeichen. Die Jubiläumsproduktion zeigt, dass Bayreuth seine Tradition nicht allein bewahrt, sondern sie zugleich kritisch hinterfragt und weiterentwickelt. Der große Zuspruch des Premierenpublikums und die vielfach positive Resonanz auf die musikalische Qualität der Aufführung unterstreichen, dass die Wiederentdeckung dieses lange vernachlässigten Frühwerks als einer der bemerkenswertesten Momente der jüngeren Festspielgeschichte gelten kann.