31. August 2026
Carmen an der Semperoper: Wenn Freiheit zur Bedrohung wird
Georges Bizets „Carmen“ kehrt in der Neuproduktion von Nadja Loschky zum Saisonauftakt 2026/27 an die Semperoper zurück. Im Zentrum steht weniger die vermeintlich verführerische Außenseiterin als die zerstörerische Begegnung zwischen Carmens kompromisslosem Freiheitswillen und Don Josés Bedürfnis nach Bindung und Besitz.

Mainz/Dresden - Carmen lacht, liebt, arbeitet, begehrt – und lässt sich nicht besitzen. Genau darin liegt für Don José die tödliche Zumutung. In der Dresdner Neuproduktion von Georges Bizets „Carmen“ richtet Regisseurin Nadja Loschky den Blick auf einen Mann, dessen Liebe zunehmend in Besitzanspruch und Gewalt umschlägt. Die Oper, die 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt wurde, wird an der Semperoper so zu einer Auseinandersetzung mit Freiheit, Abhängigkeit und der zerstörerischen Dynamik einer Beziehung. Die Semperoper beschreibt Carmen selbst als eine Figur, die für Freiheit und Selbstbestimmung kämpft.
Loschkys Inszenierung bleibt im Milieu von Bizets Oper und erzählt die Geschichte nicht aus ihrer spanischen Umgebung heraus. Im Zentrum stehen vielmehr die sozialen und persönlichen Kräfte, die zwischen Carmen und Don José wirken: militärische Hierarchien, gesellschaftliche Erwartungen, Eifersucht und der Wunsch nach individueller Freiheit. Don José ist zunächst ein Soldat, der sich von Carmen aus seiner bisherigen Ordnung herauslösen lässt. Carmen dagegen verweigert sich jeder Vorstellung, nach der Liebe mit Besitz oder Unterordnung verbunden sein müsste.
Auch musikalisch lebt der Abend von diesem Gegensatz. Bizet verbindet eingängige Melodien, Tanzrhythmen und volkstümlich anmutende Klangfarben mit einer zunehmend düsteren dramatischen Entwicklung. Aus der scheinbaren Leichtigkeit der ersten Akte führt die Musik Schritt für Schritt in die Katastrophe des Finales. Carmen erscheint dabei nicht lediglich als exotische Verführerin, sondern als eigenständige Figur, deren Freiheitswille zum entscheidenden Motor der Handlung wird.
Die Titelrolle übernimmt Caterina Piva. In den September- und Oktoberaufführungen wechseln die Interpreten des Don José: Matthew Polenzani ist unter anderem am 2., 4., 7., 9. und 12. September zu erleben, Tomislav Mužek am 19. September sowie am 6. und 9. Oktober, Attilio Glaser unter anderem am 26. September und 3. Oktober. Micaëla wird von Marjukka Tepponen beziehungsweise Louise McClelland Jacobsen gesungen, Escamillo von Krzysztof Bączyk beziehungsweise Neven Crnić. Eine zusätzliche Perspektive auf Don José eröffnet die Figur seines „Alter Ego“, die von Lasse Myhr verkörpert wird.
Für die musikalische Leitung zeichnet Lorenzo Passerini verantwortlich. Bühne und Kostüme stammen von Etienne Pluss und Irina Spreckelmeyer, das Licht gestaltet Fabio Antoci, die Choreografie übernimmt Thomas Wilhelm. Es wirken der Sächsische Staatsopernchor Dresden, der Kinderchor der Semperoper Dresden und die Sächsische Staatskapelle Dresden mit.
Die Produktion hatte am 1. Mai 2026 Premiere und kehrt nach den ersten Vorstellungen im Frühjahr und Sommer im Herbst auf den Spielplan zurück. Für September sind Aufführungen am 2., 4., 7., 9., 12., 19. und 26. September angesetzt; weitere Vorstellungen folgen im Oktober.
Besonders prominent steht „Carmen“ am 3. Oktober auf dem Spielplan. Die Semperoper integriert die Aufführung in ihr langes Premierenwochenende zum Tag der Deutschen Einheit. Caterina Piva übernimmt die Titelpartie, Lorenzo Passerini dirigiert; am folgenden Tag, dem 4. Oktober, folgt die Premiere von Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“.
Bizets „Carmen“ bleibt in Dresden damit vor allem die Geschichte einer Begegnung, die an zwei gegensätzlichen Vorstellungen von Freiheit und Liebe zerbricht. Carmen besteht darauf, über ihr eigenes Leben zu bestimmen; Don José kann diese Unabhängigkeit zunehmend weniger akzeptieren. Aus Liebe wird Eifersucht, aus Eifersucht Gewalt – bis das Finale die Konsequenz dieses Konflikts unmissverständlich macht.