13. September 2026
Mozarts „Don Giovanni“ eröffnet die Saison der Royal Opera in London
Die Royal Opera in London hat ihre Spielzeit mit Mozarts Don Giovanni eröffnet. Gordon Bintner singt die Titelpartie in Kasper Holtens bildstarker Inszenierung, Stefano Montanari dirigiert. Rachel Willis-Sørensen als Donna Anna und Aigul Akhmetshina als Donna Elvira führen ein Ensemble an, das Mozarts Komödie über Verführung, Macht und Gewalt in eine sichtbar moderne Gegenwart rückt.

Mainz/London - Mit Mozarts Don Giovanni ist die Royal Opera in London in die Spielzeit 2026/27 gestartet. Am 10. September kehrte Kasper Holtens 2014 entstandene Produktion auf die Bühne des Royal Opera House zurück. Gordon Bintner sang die Titelrolle, Rachel Willis-Sørensen Donna Anna, Aigul Akhmetshina gab ihr Rollendebüt als Donna Elvira, Roberto Tagliavini war Leporello und Bogdan Volkov Don Ottavio. Stefano Montanari stand am Pult. Die Serie läuft bis zum 15. Oktober.
Holtens Inszenierung nähert sich Mozart nicht über historische Atmosphäre, sondern über die psychologische Welt ihres Titelhelden. Das Bühnenbild von Es Devlin arbeitet mit einer drehbaren, an M. C. Escher erinnernden Konstruktion; Projektionen von Luke Halls erweitern den Raum und machen die Frauen in Giovannis Leben zu einem wiederkehrenden visuellen Motiv. Bereits während der Ouvertüre erscheinen Namen seiner Eroberungen und verdichten sich im Verlauf des Abends zu einem Bild seiner obsessiven Selbstwahrnehmung.
Damit rückt die dunkle Seite der Mozart-Oper in den Vordergrund. Giovanni ist hier nicht bloß der aristokratische Verführer der Komödie, sondern eine Figur, deren sexuelle Rücksichtslosigkeit und Machtanspruch die Handlung bestimmen. Die Produktion liest das Werk damit aus einer heutigen Perspektive, in der Verführung, sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch nicht als bloßes gesellschaftliches Spiel erscheinen.
Gordon Bintner zeichnet den Titelhelden dabei mit einer Mischung aus vokaler Geschmeidigkeit und selbstbewusster Bühnenpräsenz. Ihm gegenüber stehen unterschiedliche Reaktionen auf Giovannis Verhalten: Rachel Willis-Sørensen gestaltet Donna Anna als eine von der Gewalttat zu Beginn der Oper geprägte Figur, während Aigul Akhmetshina als Donna Elvira die emotionale Bindung an den Mann zeigt, von dem sie zugleich immer wieder getäuscht wird. Ihr „Mi tradì quell'alma ingrata“ wird so zu einem Moment verletzter Erinnerung innerhalb der ansonsten von Bewegung und Verführung bestimmten Handlung.
Roberto Tagliavini gibt als Leporello der Produktion ihre komische Dimension. Seine Registerarie ist zugleich Ausdruck von Giovannis Besessenheit: Die Eroberungen werden gezählt und katalogisiert, während der Versuch, sie zu ordnen, immer stärker die Maßlosigkeit seines Herrn sichtbar macht.
Stefano Montanari führt die Partitur mit energischem Zugriff und scharfen Kontrasten. Gerade im Wechsel zwischen Mozarts tänzerischer Beweglichkeit und den dunkleren dramatischen Momenten wird die Ambivalenz des Werks deutlich. Im Finale schlägt Giovannis Spiel endgültig in sein Gegenteil um: Der Komtur kehrt als übernatürlicher Gegenspieler zurück, und der Mann, der sich bislang jeder Grenze entzogen hat, wird mit den Folgen seines Handelns konfrontiert.
Dass Don Giovanni die neue Londoner Spielzeit eröffnet, ist damit mehr als die Rückkehr eines bekannten Mozart-Titels. Holtens Produktion stellt einen Protagonisten ins Zentrum, dessen grenzenlose Selbstbestimmung auf Kosten anderer geht – und lässt gerade dadurch die Mischung aus Komödie, Erotik, Gewalt und metaphysischer Bedrohung sichtbar werden, die diese Oper bis heute so widersprüchlich und aktuell macht.