Zurück zu Aktuelles

8. September 2026

Rossinis „Barbier von Sevilla“ eröffnet die neue Saison an der Opéra Bastille

Mit Gioachino Rossinis Barbier von Sevilla startet die Opéra Bastille am 12. September in die neue Spielzeit. Damiano Michieletto verbindet die rasante Buffo-Partitur mit einer farbenreichen, zeitgenössischen Szene; Lea Desandre singt Rosina, Huw Montague Rendall den Figaro und Jack Swanson den Grafen Almaviva.

Von der Redaktion Opernreiseführer

Die Opéra Bastille in Paris
Die Opéra Bastille in Paris | © Christian Leiber

Mainz/Paris - Wenn Figaro in Rossinis Barbier von Sevilla seinen ersten Auftritt hat, ist das Tempo bereits gesetzt: „Figaro qua, Figaro là“ – der Barbier ist überall, kennt jeden und weiß für fast jedes Problem einen Ausweg. Am 12. September 2026 kehrt Gioachino Rossinis Komödie an die Opéra Bastille zurück und eröffnet damit die neue Saison der Pariser Oper. Die Produktion von Damiano Michieletto ist bis zum 5. November angesetzt. Jader Bignamini übernimmt die musikalische Leitung der meisten Vorstellungen, François López-Ferrer dirigiert am 23. und 26. September.

Rossinis 1816 in Rom uraufgeführter Barbier von Sevilla basiert auf der Komödie von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais und gehört zu den bekanntesten Werken der italienischen opera buffa. Rossini komponierte die Partitur nach Angaben der Pariser Oper in nur vierzehn Tagen. Virtuose Gesangslinien, rasche musikalische Bewegungen, dynamische Steigerungen und eine farbenreiche Orchestrierung treiben die Handlung mit hoher Geschwindigkeit voran. Musikalische Wiederholungen und Crescendi werden dabei selbst zu komischen Motoren: Situationen verdichten sich, während die Figuren kaum Zeit haben, auf die jeweils nächste Wendung zu reagieren.

Im Zentrum steht Rosina, die unter der Aufsicht ihres Vormunds Bartolo lebt. Der Graf Almaviva versucht, ihre Liebe zu gewinnen, während Figaro zwischen dem Liebespaar und den zahlreichen Hindernissen vermittelt. Almaviva tritt dabei zunächst unter dem Namen Lindor auf und schlüpft im Verlauf der Handlung in verschiedene Verkleidungen. Aus dem Versuch, Rosina aus Bartolos Kontrolle zu befreien, entwickelt sich ein Spiel aus Täuschungen, Missverständnissen und Rollenwechseln. Am Ende gelingt es Figaro, die Verhältnisse so zu wenden, dass Rosina den Grafen heiraten kann.

In der ersten Besetzung der Pariser Wiederaufnahme übernimmt Lea Desandre die Partie der Rosina. Huw Montague Rendall ist als Figaro zu erleben, Jack Swanson als Graf Almaviva. Nicola Alaimo singt Bartolo, Adolfo Corrado Don Basilio und Isobel Anthony Berta. Diese Besetzung ist vom 12. September bis zum 10. Oktober vorgesehen. Ab dem 24. Oktober wechseln Marina Viotti in der Partie der Rosina, Andrzej Filończyk als Figaro und Levy Sekgapane als Graf Almaviva in die Besetzung.

Die musikalische Leitung liegt überwiegend bei Jader Bignamini. Nur am 23. und 26. September übernimmt François López-Ferrer das Dirigat. Auf der Bühne steht das Orchester und der Chor der Opéra national de Paris.

Michielettos Inszenierung setzt den Barbier von Sevilla in eine farbige, von Alltagsleben geprägte spanische Welt. Die Handlung spielt in einer lebendigen, dicht bevölkerten Umgebung rund um Bartolos Wohnhaus; Verkäufer, Familien und andere Bewohner bilden einen permanent bewegten Hintergrund. Michieletto greift dabei auch auf Anspielungen an die Populärkultur und insbesondere an die Filme Pedro Almodóvars zurück. Die Regie legt großen Wert auf die körperliche Präsenz und Beweglichkeit der Sängerinnen und Sänger und macht damit den permanenten Bewegungsimpuls der Rossini-Partitur auch szenisch sichtbar.

Für die Pariser Oper besitzt die Produktion zudem eine besondere Geschichte. Michielettos Barbier von Sevilla entstand ursprünglich für das Grand Théâtre de Genève und wurde dort im September 2010 erstmals gezeigt. 2014 kam die Produktion in das Repertoire der Opéra national de Paris. Damit ist die jetzige Wiederaufnahme keine Neuproduktion, sondern die Rückkehr eines bereits etablierten Publikumsfavoriten. Zugleich war der Barbier Michielettos erste Produktion an der Pariser Oper. Seither hat er dort unter anderem Samson et Dalila, Don Pasquale und Don Quichotte inszeniert.

Gerade die Verbindung aus musikalischem Tempo und körperlicher Komik macht Michielettos Zugriff für Rossinis Werk besonders plausibel. Die Inszenierung versucht nicht, die Geschwindigkeit der Musik zu bremsen, sondern übersetzt ihre Energie in eine ständig bewegte Bühnenwelt. Wenn Rossinis Crescendi die Figuren musikalisch immer weiter antreiben, entsteht auch szenisch ein permanenter Wechsel von Bewegung, Begegnung und Verwirrung.

Die neue Spielzeit der Pariser Oper beginnt damit an der Opéra Bastille mit einem Werk, das seit mehr als zwei Jahrhunderten nichts von seiner komödiantischen Dynamik verloren hat. Figaro, Rosina, Almaviva und Bartolo geraten in einen musikalischen Mechanismus, in dem jede neue Verkleidung die nächste Verwicklung auslöst – und in dem Rossinis Musik das Tempo bis zum glücklichen Ende hochhält.

In Paris beginnt die neue Saison damit nicht mit großer Operngeste, sondern mit Rossinis präzise getaktetem Chaos: Ein Barbier, ein verliebter Graf, eine selbstbewusste Rosina und ein Vormund, der die Kontrolle längst verloren hat.