18. Oktober 2026
Turin eröffnet die Opernsaison mit zwei Verismo-Dramen: „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“
Zwei Eifersuchtsdramen, zwei tödliche Eskalationen, ein gemeinsamer Opernabend: Das Teatro Regio Torino hat seine Saison 2026/27 mit neuen Inszenierungen von Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“ eröffnet. Andrea Battistoni dirigiert, Ekaterina Semenchuk gibt ihr Hausdebüt als Santuzza. Im Zentrum stehen verletzte Liebe, gesellschaftlicher Druck und die gefährliche Nähe zwischen Bühne und Wirklichkeit.

Mainz/Turin - Ein Dorf feiert Ostern, eine Schauspieltruppe tritt auf – und hinter beiden Kulissen wächst die Gewalt. Mit Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und Ruggero Leoncavallos Pagliacci eröffnete das Teatro Regio Torino am 15. Oktober 2026 seine Spielzeit. Der Doppelabend bildet den Auftakt des Festival Verismo, das mit vier Opern von Mascagni und Leoncavallo die Wurzeln des italienischen Verismo erkundet. Andrea Battistoni dirigiert sämtliche Werke des Projekts.
In Cavalleria rusticana wird eine sizilianische Dorfgemeinschaft zum Schauplatz einer tödlichen Eifersuchtstragödie. Santuzza liebt Turiddu, der sich wieder Lola zugewandt hat, obwohl sie inzwischen mit Alfio verheiratet ist. Santuzza sucht Hilfe, doch verletzte Gefühle und gesellschaftliche Ehrvorstellungen treiben den Konflikt in die Katastrophe. Regisseur Daniele Menghini rahmt die Handlung mit einem groß angelegten Osterkrippenbild. Prozessionen und religiöse Symbole prägen eine Gemeinschaft, deren Glaube Orientierung verspricht, die ihre Mitglieder aber zugleich strengen Regeln unterwirft. Ekaterina Semenchuk gibt als Santuzza ihr Debüt am Teatro Regio.
Leoncavallos Pagliacci verlagert den Konflikt in eine fahrende Theatertruppe. Canio spielt auf der Bühne den betrogenen Ehemann, während er im wirklichen Leben an seiner Eifersucht zerbricht. Als er den Verdacht nicht mehr von der Realität trennen kann, wird aus der Aufführung ein Verbrechen. Francesco Micheli untersucht in seiner Inszenierung die Grenze zwischen Theater und Leben und rückt zugleich Nedda in den Blick: Sie ist nicht nur Ziel männlicher Besitzansprüche, sondern eine Frau, die sich aus ihrer Abhängigkeit lösen will. Canios berühmte Arie „Vesti la giubba“ bündelt den Widerspruch zwischen öffentlicher Rolle und innerem Zusammenbruch.
Musikalisch verbindet Battistoni die beiden Werke, deren unmittelbare Klangsprache private Leidenschaften mit gesellschaftlichen Konflikten verschränkt. In Mascagnis Oper treffen scharf konturierte Melodien und dramatische Chorszenen auf das lyrische Intermezzo, das vor der Katastrophe einen Moment der Ruhe schafft. Leoncavallo wechselt zwischen den komischen Elementen der Theateraufführung und der wachsenden Verzweiflung Canios. Das Orchester, der Chor und der Kinderchor des Teatro Regio gestalten so zwei unterschiedliche Perspektiven auf eine ähnliche Eskalation.
Neben Semenchuk übernehmen SeokJong Baek, Amadi Lagha und Angelo Villari je nach Termin die Partie des Turiddu. In Pagliacci wechseln Carolina López Moreno als Nedda und Martin Muehle beziehungsweise Carlo Ventre als Canio. Für die letzte Vorstellung am 21. November ist Gregory Kunde als Canio angekündigt.
Das Festival Verismo geht über die beiden bekannten Einakter hinaus: Mit Leoncavallos La bohème und Mascagnis Iris folgen im Oktober und November zwei weitere Werke. Insgesamt umfasst das Projekt 22 Vorstellungen bis zum 22. November. Turin versteht den Verismo damit nicht als folkloristisches Bild süditalienischer Leidenschaften, sondern als Musiktheater über soziale Zwänge, verletzte Freiheit und die zerstörerische Macht gesellschaftlicher Erwartungen.