8. September 2026
Vier große Stimmen unter freiem Himmel: Die Wiener Staatsoper eröffnet die Saison im Burggarten
Asmik Grigorian, Piotr Beczała, Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier standen beim Opern Air der Wiener Staatsoper gemeinsam auf der Bühne. Das kostenlose Galakonzert im Wiener Burggarten verband große Opernarien mit dem offenen Raum eines der bekanntesten Parks der Stadt und setzte damit einen öffentlichen Akzent zum Beginn der neuen Spielzeit.

Mainz/Wien - Die Wiener Staatsoper hat ihre neue Spielzeit erneut dort eröffnet, wo Oper normalerweise nicht stattfindet: unter freiem Himmel im Wiener Burggarten. Beim Opern Air am 6. September 2026 versammelte das Haus Asmik Grigorian, Piotr Beczała, Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier zu einem Galakonzert bei freiem Eintritt. Begleitet wurden die Solisten vom Orchester und Chor der Wiener Staatsoper sowie Mitgliedern des Ensembles und der Opernschule. Die musikalische Leitung hatte Marco Armiliato. Das Konzert begann um 19.30 Uhr und wurde außerdem zeitversetzt im ORF übertragen.
Das Opern Air fand nach der erfolgreichen Premiere im Vorjahr bereits zum zweiten Mal im Burggarten statt. Die Staatsoper verbindet mit dem Format den Saisonauftakt mit einem bewusst niedrigschwelligen Zugang: Oper soll auch Menschen erreichen, die das Haus am Ring bislang nicht oder nur selten besucht haben. Der Eintritt ist frei, der Schauplatz liegt mitten in der Stadt, und das Programm führt in kompakter Form durch unterschiedliche Epochen und Genres des Opernrepertoires.
Rossinis Ouvertüre zu Guillaume Tell eröffnete den Abend. Anschließend brachte der Chor mit „Wach auf, es nahet gen den Tag“ aus Wagners Die Meistersinger von Nürnberg erstmals die große vokale Klangdimension in den Park. Danach wechselten sich Arien, Duette und Ensembles aus Werken von Verdi, Bizet, Giordano, Bellini, Puccini, Wagner, Donizetti, Tschaikowski, Mozart und Berlioz ab. Damit entstand tatsächlich ein musikalischer Rundgang durch das internationale Opernrepertoire – von der opera buffa bis zum romantischen Musikdrama.
Asmik Grigorian zeigte dabei mehrere sehr unterschiedliche Facetten ihres Repertoires. Gemeinsam mit dem Staatsopernchor eröffnete sie mit der Habanera aus Bizets Carmen. Es folgte die Arie der Lisa aus Tschaikowskis Pique Dame, bevor sie mit „Vogliatemi bene“ aus Puccinis Madama Butterfly gemeinsam mit Piotr Beczała in das Duettfach wechselte. Später kehrte sie mit „Sola, perduta, abbandonata“ aus Manon Lescaut in ein rein solistisches, von äußerster Verzweiflung geprägtes Fach zurück.
Piotr Beczała war unter anderem mit Giordanos „Un dì all'azzurro spazio“ aus Andrea Chénier und Wagners „In fernem Land“ aus Lohengrin zu hören. Den Höhepunkt seiner solistischen Beiträge bildete „Nessun dorma“ aus Puccinis Turandot, das er gemeinsam mit dem Staatsopernchor sang. Juan Diego Flórez wechselte zwischen Bellinis „È serbata, a questo acciaro“ aus I Capuleti e i Montecchi und Donizettis „Ah! Mes amis“ aus La Fille du régiment. Ludovic Tézier war unter anderem mit „Eri tu“ aus Verdis Un ballo in maschera sowie „Pietà, rispetto, amore“ aus Macbeth vertreten.
Auch das Ensemble der Staatsoper und die Opernschule wurden in das Programm einbezogen. So erklang Mozarts „Contessa, perdono!“ aus Le nozze di Figaro mit mehreren Ensemblemitgliedern, während die Opernschule gemeinsam mit dem Staatsopernchor Berlioz’ „Dans le ciel“ aus La Damnation de Faust übernahm. Das Finale gehörte Verdis „Tutto nel mondo è burla“ aus Falstaff, bei dem mehrere Solisten, Ensemblemitglieder und der Chor zusammenkamen.
Besonders unmittelbar wurde der Charakter des Konzerts dort, wo die großen Stimmen aufeinandertrafen. Grigorian und Beczała sangen „Vogliatemi bene“ aus Puccinis Madama Butterfly; Flórez und Tézier begegneten sich in „Au fond du temple saint“ aus Bizets Les Pêcheurs de perles. Solche Duette erweiterten das reine Arienprogramm um jene dialogischen Momente, in denen sich die unterschiedlichen Stimmcharaktere unmittelbar gegenüberstehen.
Der Reiz des Abends lag dabei nicht allein in der prominenten Besetzung. Das Format veränderte auch die Beziehung zwischen Bühne und Publikum. Im Burggarten entfiel die räumliche Trennung des klassischen Opernhauses; an ihre Stelle trat eine eigens errichtete Freiluftbühne mitten im historischen Park. Die Staatsoper verband den Saisonauftakt damit bewusst mit einem öffentlichen, kostenlosen Angebot und öffnete ihr musikalisches Programm auch für ein Publikum jenseits des traditionellen Opernbesuchs.
Für die Wiener Staatsoper ist das Opern Air inzwischen mehr als ein einmaliges Experiment. Nach der erfolgreichen Premiere im Vorjahr wurde das Konzept 2026 erneut zum Auftakt der Spielzeit eingesetzt. Tausende Menschen erlebten das Konzert im Burggarten; zusätzlich erreichte die zeitversetzte ORF-III-Übertragung ein Publikum außerhalb des Veranstaltungsortes.
Der Saisonauftakt der Wiener Staatsoper führte damit zum zweiten Mal aus dem Haus am Ring hinaus in den öffentlichen Raum. Große Opernstimmen, Orchester, Chor und junge Sängerinnen und Sänger der Opernschule trafen im Burggarten auf ein Publikum, das die Staatsoper ohne Eintrittskarte und ohne die Schwelle eines Opernhauses erleben konnte. Aus dem Opern Air wurde so nicht nur ein Galakonzert unter freiem Himmel, sondern zugleich eine öffentliche Visitenkarte für die neue Spielzeit.