13. Oktober 2026
Wenn die Tragödie auf die Komödie trifft – Barrie Kosky inszeniert Strauss in Wien
Ein verzweifelter Komponist, eine verlassene Ariadne und eine Koloraturkünstlerin, die mit ihrer Komödiantentruppe für Unterhaltung sorgen soll: Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos handelt auch vom Theater selbst. Am 22. November 2026 feiert an der Wiener Staatsoper eine Neuproduktion von Barrie Kosky Premiere. Franz Welser-Möst dirigiert, Golda Schultz singt Ariadne, Serena Sáenz übernimmt die Zerbinetta.

Mainz/Wien - Ein reicher Auftraggeber verlangt Unterhaltung – und zwar möglichst schnell. Deshalb sollen eine ernste Oper über die verlassene Ariadne und das turbulente Spiel einer Komödiantentruppe nicht nacheinander, sondern gleichzeitig aufgeführt werden. Der junge Komponist ist entsetzt, die Künstler geraten aneinander, und aus dem Streit über die Kunstform wird selbst Theater. Mit Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos bringt die Wiener Staatsoper am 22. November 2026 eine Neuproduktion von Barrie Kosky heraus, der die Reibung zwischen Tragödie und Komödie ins Zentrum stellt.
Das Werk entstand aus der Zusammenarbeit von Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Die erste Fassung wurde 1912 im Anschluss an Molières Der Bürger als Edelmann in Stuttgart uraufgeführt. Für die 1916 in Wien herausgekommene Neufassung machten die Autoren daraus einen eigenständigen Opernabend mit Vorspiel. Darin bestimmt ein wohlhabender Hausherr, was auf die Bühne kommen soll, und ordnet die künstlerischen Vorstellungen dem Zeitplan und dem Unterhaltungsbedürfnis seiner Gäste unter. Im zweiten Teil treffen die antike Tragödie und die italienische Commedia dell’arte aufeinander.
Ariadne, auf einer Insel zurückgelassen, trauert um Theseus und sehnt sich nach dem Tod. Ihre Musik entfaltet weit gespannte Linien, in denen sich Schmerz und Einsamkeit verdichten. Zerbinetta versucht dagegen, Verzweiflung mit Witz, Beweglichkeit und vokaler Virtuosität zu begegnen. Ihre große Arie „Großmächtige Prinzessin“ zählt zu den anspruchsvollsten Koloraturpartien des Strauss-Repertoires. Wenn die beiden Frauen aufeinandertreffen, prallen nicht nur unterschiedliche Temperamente aufeinander, sondern auch verschiedene Vorstellungen davon, wie sich Verlust und Leid bewältigen lassen.
Kosky interessiert sich für Theaterformen, in denen Komik und Abgrund eng beieinanderliegen. Rufus Didwiszus gestaltet die Bühne, Victoria Behr entwirft die Kostüme. Die Inszenierung muss zwei Ebenen miteinander verbinden: das chaotische Geschehen hinter den Kulissen und die mythologische Welt, die daraus hervorgeht. So wird die Oper auch zum Stück über die Bedingungen des Theaters – darüber, wer Kunst finanziert, wer ihre Regeln bestimmt und wie viel Freiheit den Künstlern bleibt.
Am Pult steht Franz Welser-Möst. Golda Schultz singt die Primadonna und Ariadne, Serena Sáenz die Zerbinetta. Kate Lindsey übernimmt die Partie des Komponisten, Daniel Behle singt den Tenor und Bacchus. Andrea Eckert ist als Haushofmeisterin zu erleben, Michael Nagy als Musiklehrer. Im Vorspiel muss der Komponist erleben, wie seine künstlerischen Vorstellungen den Wünschen des Auftraggebers weichen; als Ariadne verkörpert die Primadonna eine Frau, deren Welt zunächst keinen Platz für Kompromisse kennt.
Strauss’ Partitur verbindet spätromantische Orchesterfarben mit bewusst unterschiedlichen musikalischen Stilen. Der große Klang der Ariadne-Szenen steht neben den beweglichen Rhythmen der Komödianten. Aus dieser Kollision entsteht eine Oper, die ihren eigenen Kunstanspruch ernst nimmt und zugleich über den Betrieb lacht, von dem sie abhängig ist. Am Ende begegnet Ariadne Bacchus: Aus ihrer Todessehnsucht erwächst eine neue Möglichkeit des Lebens. Ob darin Erlösung oder eine weitere Verwandlung liegt, bleibt Teil des offenen Spiels.