27. September 2026
Bergs „Wozzeck“ in Florenz: Thomas Guggeis und Deborah Warner im Zeichen des Expressionismus
Alban Bergs „Wozzeck“ kehrt nach 28 Jahren an das Teatro del Maggio Musicale Fiorentino zurück. Thomas Guggeis dirigiert die drei Aufführungen, Deborah Warner gibt ihr Regiedebüt am Maggio.

Mainz/Florenz - Alban Bergs Wozzeck steht vom 27. September bis 3. Oktober im Zentrum des Opernprogramms am Teatro del Maggio Musicale Fiorentino. Für das Florentiner Haus ist die Rückkehr des Werkes selbst ein Ereignis: Es ist erst die fünfte Produktion der Oper in der Geschichte des Maggio und die erste seit 28 Jahren. Thomas Guggeis übernimmt die musikalische Leitung, Deborah Warner inszeniert erstmals in Florenz. Die Produktion stammt vom Royal Opera House in London.
Guggeis steht dabei innerhalb weniger Tage gleich zweimal im Mittelpunkt des Florentiner Programms. Am 26. September dirigiert er Mahlers Zweite Sinfonie, am folgenden Tag beginnt seine erste Opernproduktion am Maggio mit Wozzeck. Damit treffen Mahlers groß besetzte Auferstehungssinfonie und Bergs konzentriertes Musikdrama unmittelbar aufeinander.
Bergs Oper basiert auf Georg Büchners unvollendetem Dramenfragment und führt einen einfachen Soldaten in eine Welt aus militärischer Hierarchie, sozialer Abhängigkeit und psychischem Druck. Wozzeck wird gedemütigt und medizinischen Experimenten ausgesetzt; seine Beziehung zu Marie zerbricht unter dem Druck der äußeren Verhältnisse. Berg formte daraus kein traditionelles Musikdrama, sondern 15 Szenen, die jeweils auf geschlossenen musikalischen Formen wie Suite, Rhapsodie, Marsch oder Passacaglia beruhen.
Gerade die Verbindung von strenger Konstruktion und verstörendem Bühnengeschehen prägt die Oper. Bergs Orchesterpartitur arbeitet mit scharfen Kontrasten und abrupten Wechseln, während sich Wozzecks vokale Sprache häufig zwischen Sprechen und Singen bewegt. Die musikalische Form wird so selbst zum Ausdruck einer zunehmend bedrängenden Welt.
Deborah Warner setzt in ihrer Inszenierung auf eine bewegte Bühnenwelt, in der die Mechanik der Szenenwechsel teilweise sichtbar bleibt. Hyemi Shin gestaltet die Bühne, Nicky Gillibrand die Kostüme. Die Produktion entstand ursprünglich für das Royal Opera House und wird nun erstmals am Maggio gezeigt.
Im Zentrum steht Wolfgang Koch als Wozzeck, Anja Kampe übernimmt die Marie. Beide waren bereits an der Londoner Produktion beteiligt. Hinzu kommen Ian Koziara als Tambourmajor, Sam Furnes als Andres, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann und Clive Bayley als Doktor. Lorenzo Fratini leitet den Chor des Maggio.
Bergs Wozzeck wurde am 14. Dezember 1925 an der Berliner Staatsoper uraufgeführt und gilt als Schlüsselwerk des musikalischen Expressionismus. In Florenz trifft diese Musik nun auf ein Haus, dessen Repertoire traditionell stark mit der italienischen Oper verbunden ist. Die kompakte Aufführungsserie umfasst drei Vorstellungen; am 30. September wird die Aufführung zudem von Rai Radio 3 übertragen.
Mit Wozzeck verbindet das Maggio damit eine seltene Wiederaufnahme mit einer international etablierten Produktion und dem Debüt Guggeis’ im Opernrepertoire des Hauses. Nur einen Tag nach Mahlers Zweiter wechselt der Dirigent von der monumentalen Spätromantik in Bergs verdichtete Welt von sozialem Druck, psychischer Zerrüttung und Gewalt.