18. Oktober 2026
Verdis „Falstaff“ in Rom: Ein alter Lebemann und die Kunst der Selbsttäuschung
Mit einer neuen Produktion von Giuseppe Verdis letzter Oper eröffnet das Teatro dell’Opera di Roma den Herbst mit einer Komödie voller Eitelkeit, Intrigen und musikalischer Raffinesse. Luca Salsi singt die Titelrolle, Michele Mariotti dirigiert. Für Regisseurin Tatjana Gürbaca ist die Inszenierung ihr Italien-Debüt.

Mainz/Rom - Sir John Falstaff hält sich für unwiderstehlich. Der beleibte Ritter braucht Geld, liebt gutes Essen und glaubt, Frauen mit Schmeicheleien und Dreistigkeit für sich gewinnen zu können. Als er zwei verheirateten Frauen denselben Liebesbrief schickt, beginnt ein Verwechslungsspiel, dessen Regeln bald andere bestimmen. Giuseppe Verdis letzte Oper kehrte am 11. Oktober 2026 in einer Neuproduktion an das Teatro Costanzi in Rom zurück. Luca Salsi singt die Titelrolle, Michele Mariotti dirigiert. Die Regie führt Tatjana Gürbaca, die mit dieser Arbeit ihr Italien-Debüt gibt.
Verdi komponierte Falstaff im hohen Alter und verabschiedete sich damit 1893 von der Opernbühne. Nach dem tragischen Shakespeare-Stoff von Otello wandte er sich noch einmal der Komödie zu. Das Libretto von Arrigo Boito verbindet Motive aus Die lustigen Weiber von Windsor mit Episoden aus Heinrich IV. Falstaff will Alice Ford und Meg Page verführen, doch die Frauen durchschauen seine Absichten und beschließen, ihn mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen.
Gürbaca richtet den Blick auf die Selbsttäuschung des Ritters und die menschlichen Schwächen hinter seinem großspurigen Auftreten. Ihre Inszenierung spielt in einer traumartigen Version des Grand Hotel et de Milan, in dem Verdi seine letzten Lebensjahre verbrachte. Der Ort wird zum Bild einer Welt zwischen Vergangenheit und Auflösung. Falstaff hält an seiner eigenen Bedeutung fest, während seine Umgebung längst begonnen hat, ihn zu durchschauen. Gerade aus diesem Gegensatz gewinnt die Figur ihre komische und zugleich berührende Wirkung.
Musikalisch gehört Falstaff zu Verdis raffiniertesten Partituren. Statt großer, abgeschlossener Arien treiben kurze Motive, rasche Dialoge und dicht verwobene Ensembles die Handlung voran. Das Orchester kommentiert die Figuren, legt ihre Absichten offen und hält das Tempo der Verwechslungen in Bewegung. Mariotti leitet das Orchester und den Chor des römischen Opernhauses. Die Herausforderung besteht darin, den musikalischen Witz und die feinen Charakterunterschiede hörbar zu machen, ohne die dramatische Präzision aus den Augen zu verlieren.
Neben Salsi als Falstaff sind George Petean als Ford, Maria Agresta als Alice Ford, Carmen Artaza als Meg Page, Violeta Urmana als Mrs. Quickly und Marina Monzò als Nannetta zu erleben. Dave Monaco und Pietro Adaini teilen sich die Partie des Fenton. Die Besetzung verbindet erfahrene Verdi-Interpreten mit jüngeren Stimmen und spiegelt den Gegensatz zwischen Falstaffs Selbstbehauptung und der Beweglichkeit jener Frauen, die seine Pläne durchkreuzen.
Die Produktion steht noch bis zum 1. November auf dem Spielplan. Die letzte Vorstellung wird von Rai Cultura aufgezeichnet und auf Rai 3 sowie RaiPlay übertragen.
Am Ende bündelt Verdi die Komödie in einer Fuge, in der alle Figuren erkennen, dass die Welt jeden zum Narren halten kann. Falstaff scheitert mit seinen Intrigen, verliert aber nicht seine Lebenslust. Diese Mischung aus Spott und Nachsicht macht Verdis letzte Oper zu mehr als einer Komödie über einen gescheiterten Verführer: Sie erzählt von menschlichen Illusionen und von der Fähigkeit, trotz aller Niederlagen weiterzuleben.