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23. September 2026

Vier Opern, ein Panorama: Das Teatro Regio Turin stellt den Verismo ins Zentrum

Das Teatro Regio Turin bündelt im Herbst vier Werke des italienischen Verismo zu einem groß angelegten Projekt. Neben Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos Pagliacci stehen Leoncavallos La bohème und Mascagnis Iris auf dem Programm. Andrea Battistoni dirigiert alle vier Opern.

Von der Redaktion Opernreiseführer

Eine Galionsfigur des Verismo: Ruggero Leoncavallo
Eine Galionsfigur des Verismo: Ruggero Leoncavallo | -

Mainz/Turin - Turin widmet den Monaten Oktober und November einem Kapitel der italienischen Operngeschichte, das meist in einzelnen Werken auf dem Spielplan erscheint: dem Verismo. Das Teatro Regio verbindet vier Opern von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo zu einem gemeinsamen Projekt. Neben den kanonischen Werken Cavalleria rusticana und Pagliacci stehen mit Leoncavallos La bohème und Mascagnis Iris zwei selten gespielte Opern im Zentrum. Das Regio selbst bezeichnet das Projekt als „Tetralogie“.

Vom 15. Oktober bis zum 22. November sind 22 Vorstellungen geplant. Andrea Battistoni, seit 2025/26 Music Director des Hauses, dirigiert alle vier Werke. Die szenische Verantwortung teilen sich Daniele Menghini, der die beiden Mascagni-Opern inszeniert, und Francesco Micheli, der die Werke Leoncavallos übernimmt. So entsteht über fünf Wochen hinweg ein zusammenhängender Blick auf unterschiedliche Spielarten des italienischen Musiktheaters um 1900.

Den Auftakt bilden mit Cavalleria rusticana und Pagliacci die beiden Werke, die bis heute besonders eng mit dem Verismo verbunden sind. Mascagnis Einakter führt in eine sizilianische Dorfgemeinschaft, in der Eifersucht, verletzte Ehre und soziale Kontrolle in Gewalt umschlagen. Leoncavallos Pagliacci verschränkt eine ähnliche soziale Härte mit dem Theater selbst: Eine Schauspieltruppe führt ein Eifersuchtsdrama auf, während sich hinter der Bühne ein realer Konflikt zuspitzt. Die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit löst sich auf.

Das Regio erweitert dieses bekannte Doppelbild um zwei deutlich seltener gespielte Werke. Leoncavallos La bohème entstand aus demselben literarischen Ausgangspunkt wie Puccinis gleichnamige Oper: Henri Murgers Scènes de la vie de bohème. Leoncavallos Fassung wurde 1897 in Venedig uraufgeführt, ein Jahr nach Puccinis Werk, konnte sich aber nicht dauerhaft im Repertoire behaupten. Seine Oper rückt stärker die Gruppe der jungen Künstler und ihre Pariser Lebenswelt in den Mittelpunkt.

Noch weiter vom vertrauten Verismo-Kanon entfernt liegt Mascagnis Iris, die 1898 in Rom uraufgeführt wurde. Die Handlung führt in ein stilisiertes Japan, das bei Mascagni weniger als realistische Welt denn als symbolisch aufgeladener Bühnenraum erscheint. Große Chorszenen, dramatische Zuspitzungen und eine farbenreiche Orchesterbehandlung zeigen eine andere Seite des Komponisten, dessen internationale Bekanntheit bis heute vor allem an Cavalleria rusticana hängt. Das Regio hebt Iris ausdrücklich als Werk von besonderer orchestraler Raffinesse hervor.

Die Zusammenstellung verschiebt damit den Blick vom Verismo als festem Stilbegriff hin zu einem breiteren Panorama. Neben ländlichen Milieus, sozialen Abhängigkeiten, Eifersucht und Gewalt stehen die Welt junger Künstler und das stilisierte Japan von Iris. Gemeinsam ist den vier Werken das Interesse an Gemeinschaften, ihren ungeschriebenen Regeln und den Konflikten, die daraus entstehen. Genau diesen Zusammenhang wollen auch Menghini und Micheli in ihren Inszenierungen herausarbeiten; das Regio verweist dabei auf Bezüge zur Welt Pier Paolo Pasolinis.

Für Andrea Battistoni liegt die besondere musikalische Aufgabe darin, vier unterschiedliche Partituren derselben Generation miteinander zu verbinden. Das Regio beschreibt seine Arbeit als Erkundung der sogenannten „Giovane Scuola“: von der unmittelbaren dramatischen Energie von Cavalleria rusticana und Pagliacci über die musikalische Vielgestaltigkeit von Leoncavallos La bohème bis zur orchestralen Farbigkeit von Iris. Dass ein einziger Dirigent alle vier Werke übernimmt, gibt dem Projekt zugleich eine musikalische Klammer.

Das Teatro Regio macht den Verismo damit nicht zum historischen Etikett, sondern zum Ausgangspunkt einer ungewöhnlich breit angelegten Werkschau. Zwischen dem Doppelabend aus Cavalleria rusticana und Pagliacci am 15. Oktober und der letzten La bohème-Vorstellung am 22. November entsteht ein Zyklus, der die bekannten Eckpunkte des Verismo mit zwei selten gespielten Alternativen konfrontiert.