Zurück zu Aktuelles

18. Oktober 2026

Wagners „Ring“ in Paris: Vier Opern, ein Weltdrama

Die Opéra national de Paris bündelt Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ im November in zwei vollständigen Zyklen. In der Inszenierung von Calixto Bieito und unter der musikalischen Leitung von Pablo Heras-Casado entfaltet sich die Geschichte von Macht, Besitz und dem Untergang der Götter an der Opéra Bastille. Ein international besetztes Ensemble führt durch mehr als sechzehn Stunden Musiktheater.

Von der Redaktion Opernreiseführer

Die Opéra Bastille in Paris
Die Opéra Bastille in Paris | © Christian Leiber - Opéra national de Paris (2)

Mainz/Paris - Vier Opern, zwei vollständige Zyklen und eine Geschichte über die zerstörerische Macht des Besitzes: Die Opéra national de Paris präsentiert Richard Wagners Ring des Nibelungen im November 2026 an der Opéra Bastille. Die Aufführungsfolgen beginnen am 6. und 15. November und führen vom Rheingold über Die Walküre und Siegfried bis zur Götterdämmerung. Calixto Bieito inszeniert, Pablo Heras-Casado dirigiert das Orchester der Opéra national de Paris.

Bieito deutet Wagners mythologische Welt als Spiegel menschlicher Machtverhältnisse. In seiner Inszenierung von Das Rheingold prägt digitale Virtualität die Umgebung. Technologie und Wissenschaft werden zum Ausgangspunkt für die Frage, wie Menschen ihre Welt gestalten – und wie der Wunsch nach Kontrolle ihre Beziehungen verändert. Die Bühne entwirft Rebecca Ringst, die Kostüme stammen von Ingo Krügler.

Die Handlung beginnt mit Alberichs Verzicht auf die Liebe. Aus dem geraubten Rheingold schmiedet er einen Ring, der Macht über andere verspricht. Auch Wotan, der Herr der Götter, will ihn besitzen. Der Streit um den Ring setzt eine Kette aus Verträgen, Verrat und Gewalt in Gang, die schließlich die gesamte Götterordnung erschüttert. Das Schmuckstück wird zum Symbol einer Herrschaft, die ihre eigenen Grundlagen zerstört.

Mit Die Walküre rückt Wagner die Menschen und ihre Konflikte ins Zentrum. Siegmund und Sieglinde finden zueinander, obwohl ihre Liebe bestehende Regeln verletzt. Wotan gerät zwischen seine Sehnsucht nach einem freien Helden und die Gesetze, denen er selbst unterliegt. Seine Tochter Brünnhilde widersetzt sich seinem Willen und verliert dafür ihre göttliche Stellung. Die Musik verbindet intime, weit gespannte Melodien mit dramatischer Wucht und macht den Konflikt zwischen Pflicht, Liebe und Freiheit unmittelbar erfahrbar.

In Siegfried begegnet die Götterwelt einem Helden, der keine Angst kennt und ihre Ordnung nicht anerkennt. Siegfried schmiedet das Schwert Notung neu, besiegt den Drachen Fafner und gewinnt den Ring. Als er Brünnhilde aus ihrem von Feuer umgebenen Schlaf erweckt, scheint eine neue, freie Welt möglich. Andreas Schager singt Siegfried, Tamara Wilson die Brünnhilde.

Doch die Hoffnung zerbricht in der Götterdämmerung. Siegfried gerät in eine Intrige, die Hagen gegen ihn spinnt. Brünnhilde erkennt den Verrat und löst mit ihrer Entscheidung die Katastrophe aus. Der Trauermarsch und ihr abschließendes Opfer führen zum Untergang der alten Ordnung. Wagner bietet keine einfache moralische Auflösung: Die Frage, ob aus der Zerstörung eine neue Welt entstehen kann, bleibt offen.

Neben Schager und Wilson gehören Christopher Maltman als Wotan, Brian Mulligan als Alberich und Mika Kares als Hagen zu den zentralen Sängern des Pariser Zyklus. Heras-Casado führt das Orchester durch eine Partitur, deren Leitmotive Figuren, Gegenstände und Gefühle miteinander verbinden. Über die vier Opern hinweg verändern sie ihre Bedeutung und machen hörbar, wie aus einem einzelnen Griff nach Macht eine umfassende Katastrophe erwächst.

Begleitend zeigt die Opéra national de Paris gemeinsam mit der Bibliothèque nationale de France im Palais Garnier eine Ausstellung zur Entstehung, musikalischen Form und Wirkungsgeschichte des Ring. Gespräche mit Künstlern und Fachleuten ergänzen das Festival. Die vier Opern werden zudem an den zweiten Zyklus-Terminen live über die Plattform Paris Opera Play übertragen.

Der Pariser Ring entfaltet seine Wirkung erst über die gesamte Dauer des Werks: Aus dem geraubten Gold entsteht ein Konflikt, der Götter, Helden und Menschen gleichermaßen erfasst. Bieito und Heras-Casado führen diese Entwicklung im November als zusammenhängendes Musikdrama vor – vom ersten Griff nach dem Rheingold bis zum Ende einer Welt.