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10. Oktober 2026

Verführung und Machtverlust in Neapels „Alcina“

Das Teatro di San Carlo setzt im Oktober auf Händels „Alcina“ – mit Lisette Oropesa in der Titelrolle und Franco Fagioli als Ruggiero. Die konzertante Aufführung verbindet zwei markante Stimmen des Barockrepertoires mit einer Oper, in der Verführung und Selbsttäuschung aufeinanderprallen.

Von der Redaktion Opernreiseführer

Neapel
Neapel | © lumu_93

Mainz/Neapel - Mit Georg Friedrich Händels Alcina präsentiert das Teatro di San Carlo in Neapel ein Werk, in dem Begehren und Täuschung untrennbar ineinandergreifen. Am 9. und 11. Oktober 2026 erklingt die Oper erstmals in der Geschichte des Hauses in konzertanter Form. Lisette Oropesa singt die Zauberin Alcina, Franco Fagioli übernimmt die Partie des Ruggiero. Iván López-Reynoso dirigiert Orchester und Chor des Hauses.

Die Handlung spielt auf einer Insel, auf der Alcina ihre Liebhaber durch Magie an sich bindet und nach dem Ende einer Beziehung in Tiere, Pflanzen oder Steine verwandelt. Auch der Ritter Ruggiero verfällt zunächst ihrer Anziehungskraft. Doch seine Verlobte Bradamante sucht ihn und versucht, ihn aus Alcinas Bann zu befreien. Als die Zauberin ihre Macht verliert, wird aus der souveränen Herrscherin eine Frau, die verzweifelt um ihre Liebe kämpft.

Händel komponierte Alcina für das Londoner Theatre Royal in Covent Garden, wo die Oper am 16. April 1735 uraufgeführt wurde. Sie zählt zu seinen bedeutenden Opern der mittleren Londoner Jahre und verbindet virtuose Arien mit einer differenzierten Darstellung innerer Konflikte. Besonders Alcinas Entwicklung verleiht der Musik ihre Spannung: Ihre anfängliche Selbstsicherheit weicht zunehmend der Angst vor dem Verlassenwerden. Die Zauberei wird zum Sinnbild des Versuchs, Liebe dauerhaft zu kontrollieren.

Für Oropesa liegt die Herausforderung darin, diesen Wandel zwischen Verführung und Verletzlichkeit musikalisch auszugestalten. Die Partie verlangt bewegliche Koloraturen und eine sichere Höhe ebenso wie psychologische Differenzierung. Fagioli zeichnet Ruggieros Weg vom selbstvergessenen Liebhaber zum entschlossenen Ritter nach. Die anspruchsvolle Partie ist eng mit der Tradition der Kastratenoper verbunden.

Zur Besetzung gehören Varduhi Abrahamyan als Bradamante, Erin Morley als Morgana und Sun Tianxuefei als Oronte. Sayumi Kaneko singt Oberto, Yunho Eric Kim übernimmt Melisso. Die konzertante Aufführung rückt die vokalen Linien und Händels instrumentale Dramaturgie in den Mittelpunkt.

Das 1737 eröffnete Teatro di San Carlo entstand in einer Zeit, in der Neapel zu den bedeutenden Musikzentren Europas gehörte. Mit Händels Oper begegnet diese traditionsreiche Bühne einem Werk, dessen psychologische Kraft bis heute aus dem Gegensatz zwischen äußerer Verführung und innerer Unsicherheit entsteht.

Am Ende muss Alcina erkennen, dass sie zwar andere verwandeln, die Liebe selbst aber nicht beherrschen kann. Gerade dieser Verlust der Kontrolle macht die Zauberin zur tragischen Figur des Werks.